Karneval: Wieso der Mensch gern Tier wär

Die britische Band Coldplay in ihrem Musikvideo zu „Paradise“
King Loui im Dschungelbuch singt: „Oh Schubidu, ich wär so gern wie Duhuhu…“ Er beneidet die Menschen, weil diese aufrecht gehen  und Feuer machen können. Aber andersrum scheint es genau so zu sein: manch Mensch wäre wohl gerne ein Tier. Zu keiner  Zeit scheint die Antwort so deutlich, wie an Karneval…

Zentaure
Zentaur im Jardin Des Tuileries, Paris.   credits by: BenJTsunami

Um dieses Phänomen erklären zu können, benötigt es einen Rückschritt. Und zwar zurück bis in die Antike. Schon damals gab es fantastische Mischwesen, wie etwa den Zentauren (halb Mensch, halb Pferd), den Minotoraus (halb Mensch, halb Stier) oder den etwas harmloseren Faun (halb Mensch, halb Ziege). Alle hatten gemein, dass sie übermenschlich stark waren. Die Kraft des Tieres, das in ihnen steckte, machte sie unbeherrschbar, was beim Minotaurus sogar so weit führte, dass er Menschen fraß.
All dies lässt darauf schließen, dass schon damals von den Tieren eine unerklärliche Faszination ausging. Dass die Menschen gerne wie manch Tier gewesen wären, sich vielleicht sogar mit ihnen vermischen wollten, sogenannte Chimären schaffen wollten. Angelehnt an das mythologische Mischwesen Chimaira (Zusammensetzung aus Löwe, Ziege, Schlange und Drache).

Tierutopien sogar im christlichen Mittelalter

Diese Bewunderung für die Mit-Lebewesen auf der Erde setzte sich selbst oder gerade im Mittelalter fort. Denn wie zu keiner anderen Ära machten sich die Menschen – frei nach biblischem Verständnis – das Tier Untertan. Wie in einer Rezension des Werkes Menschentier und Tiermenschen – Diskurse der Grenzziehung und Grenzüberscheitung im Mittelalter deutlich gemacht wird: „In der christlichen Schöpfungsordnung wird die Mensch-Tier-Grenze vom Sündenfall her gedacht. Mit dem Zerbrechen der paradiesischen Einheit trennt diese Grenze den Menschen nicht allein von den übrigen Lebewesen, sondern gewissermaßen von sich selbst: als Spaltung von humaner ratio und animalischem sensus, die in jedem Einzelnen wie auch zwischen Teilen der Gesellschaft (Herrscher und Untertanen, Priester und Gemeinde) sowie Teilen der Menschheit (Christen und Barbaren, Einheimischen und Fremden) verläuft…“ (S.145)

Karneval PfauSomit bedeutet dies, dass Mensch und Tier vom Ursprung her gleich sind, quasi zusammengehören (beide zählen zur Natur), doch dass der Mensch irgendwann angefangen hat, sich von dieser Verbindung zu lösen. Tiermenschen (Figuren mit humanem Körper und tierischem Kopf) waren der bloße Versuch, diese Verbindung wieder herzustellen. Diese hatten gerade im Mittelalter eine starke Symbolik, wurde doch jedem Tier eine Bedeutung zugewiesen. Beispielsweise symbolisierte der Affe die Lüsternheit und Eitelkeit, während die Antilope als heilig galt.

Comic-Con: Mischwesen soweit das Auge reicht

In der heutigen Zeit kann man sich vor Tiermenschen kaum mehr retten. Bestescarnival-549062_640 Beispiel  dafür sind Computerspiele, allen voran World of Warcraft oder Warhammer. Dort tummeln sich Minotauren oder Mischungen aus Mann und Eber, eben alles, was die Fantasie hergibt. Etwas spezieller geht es noch bei den Comic-Messen zu, wenn die sogenannten Furries in Ganzkörper-Tierkostümen ihrer Leidenschaft frönen. Sie identifizieren sich unwahrscheinlich stark mit Tieren aus der Comic- oder Sagenwelt. Diese reichen vom normalen Hund, über Werwolf, bis hin zum Einhorn. Für Furries ist es nicht nur ein Hobby, sondern eine Lebenseinstellung. Was man davon hält, ist jedem selbst überlassen. Es zeigt nur einmal mehr, wie sehr der Mensch vom Tier fasziniert ist.

An Karneval sind die Tiere los

Ob die Verkleidung an Karneval, Fasching oder Fasnet nun einen tieferen psychologischen oder historischen Grund hat, ist ungewiss. Vielleicht sind zur fünften Jahreszeit auch nur so viele Menschen als Giraffe, Löwe oder Bär verkleidet, weil die Kostüme so warm sind. Vielleicht werden sie aber auch zum Teil von der Wildheit angezogen, die das jeweilige Tier ausstrahlt.
Zudem macht es wohl schon einen Unterschied, ob jemand gern der König der Tiere wäre oder ein flauschiges Kaninchen…zumindest ist es eine Entscheidung, die mit der eigenen Persönlichkeit einhergeht. Ein bisschen Tier steckt auf jeden Fall in jedem von uns, und dann ist es doch schön, wenn man es einmal im Jahr ganz offiziell auch mal ausleben darf. Hellau und Alaaf!

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